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janeiro 07, 2005

Das Vertrauen der Polen in die EU wächst

Nach dem Beitritt ist die Lage jenseits der Oder nicht rosig, aber keineswegs zum Weglaufen

Warschau - Wenn die Zuschauer bei TVN, einem der zwei größten polnischen Privatsender, die "Schlacht um England" einschalten, suchen sie keineswegs Abwechslung zu der seit 40 Jahren laufenden Weltkriegsserie "Vier Panzersoldaten und ein Hund". Bei dieser Doku-Soap geht es, dem martialischen Titel zum Trotz, sehr friedlich zu. Die Kameraleute haben sich an die Fersen arbeitswilliger Polen geheftet, die nach Großbritannien und Irland aufgebrochen sind, um dort einen Job zu suchen.


Beide Länder haben ihren Arbeitsmarkt vom 1. Mai an für neue EU-Bürger geöffnet, anders als Deutschland, Österreich und einige andere Staaten, die von den maximal siebenjährigen Sperrfristen Gebrauch machen. So sind Zehntausende von Polen auf die Insel gefahren - manche wirklich nur mit einem Rucksack als Gepäck und in der Hoffnung, als Tellerwäscher ihr Glück zu machen. Als die ersten Illusionen verflogen und die letzten Pfund ausgegeben waren, mußten manche zurückkehren. Andere haben es geschafft. Meist sind es alleinstehende 20- bis 30jährige, die irgendwann wieder nach Polen zurückwollen, wie die Studentin Ewelina. Seltener eine vierköpfige Familie wie die Lenarciks, die in Dublin ein Haus gemietet haben und für immer bleiben wollen. In Polen waren sie nicht die Allerärmsten; aber die Zukunft ihrer Kinder sehen sie im Ausland. So arbeitet Grazyna jetzt in einem Hotel, Jerzy bei einem Autohändler, und der Sohn, der im Gegensatz zu seinen Eltern gut Englisch spricht, will in Dublin studieren.


Dabei ist die Lage in Polen selbst keineswegs nur zum Weglaufen. Aber rosig ist sie auch nicht. Vor eineinhalb Jahren hatten im Referendum gut 77 Prozent für den Beitritt ihres Landes gestimmt. Die Zustimmung ist danach laut Umfragen etwas eingebrochen, doch seit dem Beitritt am 1. Mai hat sie sich etwa auf dem Niveau des Referendums stabilisiert.


Das bedeutet jedoch nicht, daß die Polen bereits für sich persönlich positive Auswirkungen erkennen würden. Das ist, wie das Institut CBOS im Herbst bekanntgab, nur bei 24 Prozent der Fall. 31 Prozent sehen für sich persönlich vor allem negative Auswirkungen des Beitritts. Eine Mehrheit von 43 Prozent glaubt sogar, andere Staaten hätten bisher mehr Nutzen von der EU-Erweiterung gehabt als Polen selbst. Bei diesen Stimmungen schlagen die Steuererhöhungen und der zum Teil dramatische Preisanstieg im Frühjahr und Sommer zu Buche. Im März muß Polen auch noch die Mehrwertsteuer für Internet-Dienstleistungen von sieben auf das EU-Niveau von 22 Prozent anheben. Ausgerechnet Zdzislaw Podkanski von der Polnischen Bauernpartei kämpft im Europaparlament dafür, diesen Steuersatz auf Null zu senken. Doch insgesamt hat in Polen eine Art Grundvertrauen Einzug gehalten, daß das Leben auch innerhalb der Gemeinschaft weitergeht. "Genauer gesagt: Die schlimmsten Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet, das ist der Grund für die alles in allem gute Stimmung", sagt ein polnischer Diplomat. Das ist schon viel in einem Volk, das immer wieder zu Pessimismus neigt. Mit letzterem blicken die Polen vor allem auf ihre eigene politische Klasse. Auch um deren Ansehen vor den Wahlen in diesem Jahr zu heben, wurde der als integer geltende bisherige Außenminister Wlodzimierz Cimoszewicz gestern zum Parlamentspräsidenten gewählt, während Außen-Staatssekretär Adam Daniel Rotfeld Minister wird.

Sehr viel konkreter als viele Politiker hat eine Bevölkerungsgruppe mit der EU zu tun, die vor dem Beitritt besonders skeptisch war: die Bauern. Unter ihnen hat sich die Stimmung deutlich verbessert. Dabei sind die Segnungen aus Brüssel zu vielen noch gar nicht vorgedrungen. Bis Mitte Dezember haben von 1,4 Millionen Antragstellern in Polen nur 525 000 ihre Direktbeihilfen erhalten. Schwierigkeiten mit dem Computersystem IACS seien der Grund, berichtete die Zeitung "Rzeczpospolita". Bis Ende Januar werde alles überwiesen sein, verspricht Landwirtschaftsminister Wojciech Olejniczak. Ohnehin muß Warschau bei diesen Zahlungen in Vorkasse treten, ehe Brüssel nächstes Jahr die Summe erstattet.


Die eigentlichen Gründe dafür, daß viele Landwirte sich die Hände reiben, sind jedoch Exportboom und Preisanstieg. Nach dem Beitritt ist der Export polnischer Agrarprodukte in die EU um 42 Prozent gewachsen. Rindfleisch und Zuckerrüben sind in Polen jetzt doppelt so teuer wie früher. Der Boom trifft auch andere Branchen: Die Automobilproduktion wird sich 2004 mit 600 000 Stück gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt haben. Insgesamt ist Polens Export bis September, in Zloty berechnet, gegenüber dem Vorjahr um fast 32 Prozent gewachsen - am stärksten gegenüber Rußland (53 Prozent).


Auch wenn 2004 für die Wirtschaft 5,5 Prozent Wachstum erwartet werden und für dieses Jahr ein ähnlicher Wert - der große Schub für den Arbeitsmarkt ist noch nicht zu sehen. Mit knapp 19 Prozent Erwerbslosigkeit (bei jungen Menschen über 40 Prozent) liegt Polen immer noch doppelt so hoch wie der EU-Durchschnitt. Doch daran muß ja nicht Brüssel schuld sein. So sind in Polen heute immerhin 73 Prozent für die EU-Verfassung (dazu soll es im Herbst ein Referendum geben). Eine ähnlich große Mehrheit will die Ukraine, Kroatien und Serbien in der EU sehen, dicht gefolgt von der Türkei. Alles in allem - die Polen sind zufrieden, beigetreten zu sein, und wünschen das auch anderen Völkern in Europa.


Artikel erschienen am Do, 6. Januar 2005

Publicado por esta às janeiro 7, 2005 04:30 PM