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novembro 22, 2004
Die deutschen Kirchen weichen der Türkei-Frage aus
Trotz zahlreicher Vorbehalte bislang keine klare Position zum EU-Beitritt - Nur der Vatikan wird deutlich
Bonn - "Eure Rede sei Ja, Ja; Nein, Nein." Dieser Rat aus dem Matthäus-Evangelium ist für die deutschen Kirchen offenkundig keine Handlungsanleitung in Sachen eines EU-Beitritts der Türkei. Die Kirchen-Repräsentanten verhalten sich taktisch: Keine kategorische Ablehnung, sondern abwarten, was die Verhandlungen bringen.
"Ergebnisoffen" hätten die Beitrittsgespräche zu sein. Mit dieser geschmeidigen Formel sucht der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche (EKD), Bischof Wolfgang Huber, eine Festlegung zu vermeiden. EU und Türkei befänden sich auf einem Weg, auf dem Vertrauen "nur Schritt für Schritt wachsen kann". Defizite bei den Menschenrechten, ungesicherte Religionsfreiheit, Leugnung des Völkermordes an den Armeniern, Diskriminierung von Frauen - die Liste der von der EKD genannten "Beitrittshindernisse" ist lang. Ein klares Nein folgt daraus nicht.
Auf der gleichen Argumentationsebene bewegt sich die katholische Bischofskonferenz. Einen Beschluß gibt es nicht, die Meinungen gehen noch auseinander. Der Vorsitzende, Kardinal Karl Lehmann, äußert diplomatisch-vorsichtig "Bedenken" gegen einen Beitritt. Es müsse sichergestellt werden, daß die Rechte, die türkische Muslime in Deutschland genießen, mindestens schrittweise auch den Christen in der Türkei eingeräumt werden. Die von Spitzenpolitikern der CDU/CSU vertretene Position einer "privilegierten Partnerschaft" macht sich der Kardinal nicht ausdrücklich zu eigen. Er habe allerdings, fügt er vielsagend hinzu, "lange bevor dieses Stichwort aufkam und parteipolitisch besetzt wurde", seine Gedanken in diese Richtung gelenkt. Wie Huber greift auch Lehmann auf die politische Formel "ergebnisoffen" zurück. Er nennt es "voreilig", daß die EU "weitgehend auf amerikanischen Druck und unter strategischen Aspekten der Türkei so sehr entgegenkommt". Es gehe "auch um die Identität Europas".
Für die Scheu, sich schon eindeutig zu positionieren, gibt es offenbar mehrere Gründe. Die Kirchen fürchten um den christlich-islamischen Dialog, von dem sie sich trotz herber Enttäuschungen noch immer Fortschritte im Miteinander der Religionen versprechen. Immerhin ist die Mehrheit der rund 3,5 Millionen Moslems in Deutschland türkischer Herkunft. Zum andern müssen sie Rücksicht nehmen auf die Christen in der Türkei. Die katholischen Bischöfe in dem islamischen Land versprechen sich von einer EU-Mitgliedschaft eine Verbesserung ihrer eigenen Situation.
Erstmals in der Geschichte der türkischen Republik empfing Ministerpräsident Recep T. Erdogan Ende Juni in Ankara die Mitglieder des Episkopats. Der Sprecher der türkischen Bischofskonferenz, Georges Marovich, rühmte die "herzliche Atmosphäre". Die Kirchendelegation informierte den Regierungschef, daß sie seit Jahren das Bestreben der Türkei nach Integration in die EU unterstütze. Hohe Erwartungen setzten die Bischöfe in eine Staat-Kirche-Kommission, welche die juridische Anerkennung der Kirchen in der Türkei vorantreiben soll.
Auch die EKD wird von außen mit durchweg positiven Voten konfrontiert, etwa aus der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), dem Zusammenschluß protestantischer, anglikanischer und orthodoxer Kirchen. Die Türkei, argumentiert die KEK, praktiziere zwar noch nicht die Werte der EU, aber ein Beitritt könne "sogar gute Auswirkungen auf die positive Entwicklung der Religionen und Kulturen" haben. Auch hier überlagert das Prinzip Hoffnung die Wahrnehmung der realen Situation. Die KEK wie auch Kardinal Lehmann und der Rat der katholischen Bischofskonferenzen in der EU (COMECE) beteuern bei jeder Gelegenheit, daß es in der Türkei-Frage nicht um die Mehrheitsreligion des Islam gehe. Der deutsche COMECE-Präsident, Josef Homeyer (Hildesheim) hält es sogar für "ein Unglück, wenn dies immer wieder durcheinander gebracht wird". Allerdings betrachtet das Gremium die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen als verfrüht.
Einen deutlicheren Akzent setzt der im Vatikan tätige deutsche Erzbischof Paul Josef Cordes. Er sei überzeugt, sagte Cordes der katholischen "Tagespost", "daß jeder, der sensibel ist für das, was das Christentum der Welt zu bringen hat, nicht sagen kann, Christen könnten auf irgendeiner Ebene mit von der islamischen Religion geprägten Völkern eine substantielle Einheit eingehen". Das Wort aus Rom signalisiert Ablehnung. So weit wollen sich die Deutschen nicht vorwagen.
Artikel erschienen am Mo, 22. November 2004
Publicado por esta às novembro 22, 2004 10:59 AM